Die Stille in der alten Aula war eine andere als alles, was ich kannte. Es war keine leere, sondern eine erfüllte Stille, die von unzähligen vergangenen Leben summte. Mein Schritt auf den gefliesten Boden hallte nach, ein einsamer Klang in der Weite des Raumes. Durch den Sucher meiner Kamera suchte ich nach dem Charme, der mich immer wieder hierher zog. Das Schwarzweiß der Aufnahmen schien dieser Welt angemessener zu sein als jede grelle Farbe. Es fängt die Seele ein, dachte ich, nicht nur die Hülle. Ich richtete die Linse auf die gewölbten Fenster, durch die das fahle Nachmittagslicht fiel und lange Schatten über die Wände warf. Jeder Kratzer im Parkett, jede abgeblätterte Farbschicht an den Türen, jede dunkle Sturmkante an der Decke wurde zu einer Zeichnung aus Licht und Schatten. In meinem Kopf begannen die alten Mauern, ihre Geschichten zu erzählen. Ich sah die Geister der Vergangenheit vor meinem inneren Auge: den jungen Lehrer, der nervös seine erste Stunde vorbereitete, die heimlich ausgetauschten Zettelchen während der strengen Aufsichtsarbeiten, den Jubelsturm nach der bestandenen Prüfung, den leisen, einsamen Tränen in einer Ecke des Gangs. Hier wurden Träume geboren, Ängste überwunden und Freundschaften fürs Leben geschmiedet. Jeder Zentimeter dieses Gebäudes war getränkt mit Emotionen. Ich drückte auf den Auslöser. Ein leises *Klicken* durchschnitt die Stille. In diesem Moment fror ich eine Sekunde der Ewigkeit ein. Eine stumme Hommage an all die Geschichten, die in diesen Gemäuern verwahrt sind. Die Bilder würden nur Schwarz, Weiß und Grau zeigen, aber ich wusste, dass sie von der ganzen Farbpalette des Lebens erzählten. Als ich ging, warf ich einen letzten Blick zurück. Die Schule stand still und würdevoll da, ein stiller Wächter der Zeit. Ihre Geschichten waren nun ein kleines Stück auch in mir.